pulse-berlin

Amiri Baraka

Die vielen Gesichter des Amiri Baraka: Lyriker, Dramatiker, Aktivist

Available languages: English Deutsch

Leroi Jones wurde 1934 in Newark geboren. Später konvertierte er zum Islam und änderte seinen Namen in Amiri Baraka. Er traf sich mit Che Guevara in Kuba, war einer der ersten, der Jack Kerouacs Texte veröffentlichte (als was?). Und als er während der fürchterlichen Aufstände in Newark im Gefängnis saß, holten ihn Allen Ginsberg und Jean-Paul Sartre raus. Als Malcolm X erschossen wurde, wurde Baraka ein Black Nationalist, später Marxist. Er ist der Autor von „Blues People“, einem der lesenswertesten und einflussreichsten Jazzbüchern aller Zeiten. 1964 gewann er einen Obie Award für sein kontroverses Stück „Dutchman“ über eine Romanze zwischen einem schwarzen Mann und einer weißen Frau, die in Mord mündet. Er war der Stadtschreiber New Jerseys bis er ein Gedicht über den 11. September schrieb: Darin unterstellte er Israel, in den Angriff auf das World Trade Center verwickelt zu sein. New Jersey schaffte kurzerhand die Position des Stadtschreibers ab, und konnte so elegant auch Baraka loswerden. Als ich Baraka bei sich zu Hause in Newark traf, sagte er in einem Atemzug Dinge wie: „Die Leute verstehen nicht, dass Kritik an Israel nicht gleichbedeutend ist mit Antisemitismus.“ Und: „Wir müssen uns selbst und unser Land in Frage stellen, statt dauernd den Horizont nach Feinden abzusuchen.“ Amiri Baraka ist voller Widersprüche. Der Gute und der Bösewicht, man findet bei ihm beides.

 

Pulse: Ich würde mich gerne mit Ihnen über die Beziehung zwischen Wahrheit und Kreativität unterhalten. Wie wichtig ist Ihrer Meinung nach Wahrheit fürs Schreiben?

Amiri Baraka: Wenn man nicht überlegt, was wahr ist, wenn man schreibt, kommt dabei nur eine Art Propaganda heraus. Wenn man nicht versucht, der Wahrheit auf den Grund zu kommen, und auch nicht versucht, diese Wahrheit zu transportieren, dann ist das geradezu kontraproduktiv. Mao zufolge gibt es nichts Gefährlicheres als einen fähigen Künstler, der das Böse repräsentiert. Fähige Künstler, die für das Böse stehen sind die gefährlichsten Kräfte der Welt, weil sie andere dazu bringen können, daran zu glauben. Wir nehmen ständig Dinge wahr, wie über Antennen, wir erfahren ununterbrochen Neues, aber die große Frage ist: Wie nutzen wir diese Eindrücke?  

In Ihren Texten geht es sehr oft um das Prozesse und Bewegungen. Mich würde interessieren, inwiefern diese Aspekte für Sie mit Wahrheit zu tun haben. Schließlich haben Sie in Ihrem Leben verschiedene Phasen durchlebt, auch unterschiedliche Extreme. Haben Sie je nach Position auch etwas anderes unter Wahrheit verstanden?

 Ja, genauso wie man das, wovon man mit neun überzeugt ist, mit 12 ins Gegenteil kehrt.

Aber Ihre Veränderungen waren ziemlich radikal. Sie haben viele Leute schockiert. Beständig waren Sie nicht.

Offen gestanden kann ich darin nichts Falsches sehen. Ich finde, man sollte nachvollziehen können, dass etwas mit einem nicht stimmt, wenn man mit 60 die gleichen Überzeugungen hat wie 30 Jahre zuvor. Was hat man denn gelernt? Hat einen irgendetwas wachgerüttelt?  Es geht nicht darum, immer Recht zu haben. Man muss die Stärke haben, selbstkritisch zu sein und dann weiter zu machen. Es geht darum, sagen zu können: Das und das habe ich damals aus diesem und jenem Grund gedacht, und deswegen und deswegen denke ich jetzt anders. Selbstkritik ist eine gute Sache. Es ist wie aufs Klo gehen: Wenn man nicht geht, ist man bald voller Scheiße. Man muss Überflüssiges loswerden, dieser Prozess hört nie auf. Was nicht heißt, dass das einfach ist: Manchmal ist es sehr schwer, Dinge los zu werden, selbst wenn man weiß, dass Sie schlecht sind.

Aus Angst?

Angst hat damit sehr viel zu tun. Die Menschen haben Angst zu verlieren, was sie haben.  Es ist doch genauso schwer auszusprechen, was man denkt, wenn man weiß, dass einem widersprochen wird. Oder wenn man ahnt, dass die Leute auf einen losgehen werden, wenn sie hören, was man glaubt.

Warum sollte man sich das denn dann überhaupt antun? Warum sollte man Risiken in Kauf nehmen und Fehler machen, nur um zu sagen, was in einem vorgeht?

Weil man einen gesunden Verstand und einen gesunden Geist will. Weil man weiß, dass einen die Fehler vielleicht weiterbringen. Egal wie viele Leute auf einen losgehen oder verhöhnen mögen: Das alles kann einem gar nichts anhaben, wenn man mit sich selbst im Reinen ist, wenn man weiß, man hat etwas getan, weil man davon überzeugt war. Egal, ob es für richtig oder falsch gehalten wird: Es musste raus. Diese Art Stärke solltest man sich auf alle Fälle erhalten. Die Gesellschaft schüchtert Menschen ein, macht sie abhängig, treibt sie in den Selbstmord. In einem Artikel wurde Vincent van Gogh einmal als „suicided by society“ bezeichnet. Die Leute konnten nichts damit anfangen, wie er die Welt wahrnahm. Es passiert so viel, und wir wollen einfach nichts damit zu tun haben.

Aber geht es Ihnen nicht mehr um das Leben als den Tod? Sich mit der Wahrheit auseinandersetzen, ist doch etwas sehr Lebendiges und Dynamisches, und ganz und gar nicht statisch oder endgültig, oder?

Klar. Aber die meisten denken gar nicht so weit, sie sind sich dessen überhaupt nicht bewusst. Ihnen fehlt wahres Bewusstsein ihrer Selbst. Und sie sollen es nicht einmal finden. Sich bewusst zu sein, wer man ist, woher man kommt und was man will, ist ein Wert an sich.  Und das muss man wollen, man muss sich das erarbeiten.

Aber sind Menschen, die sich nicht bewusst mit sich selbst auseinandersetzen, tatsächlich schlechter dran als die, die es tun? Sind sie unglücklich?

Es geht nicht immer um Glück.

Gibt es denn einen Grund, bewusster zu leben? Finden Sie, man sollte sich dafür verantwortlich fühlen, vielleicht versuchen, es zu ändern?

Natürlich sollte man daran etwas ändern wollen. Wären die Menschen sich selbst bewusster, würden sie sich nicht so missbrauchen lassen. Je bewusster eine Gesellschaft sich ist, desto eher wird sie sich entwickeln. Jeder sollte genug wissen, um die Straße hinunter zu laufen, ohne hinzufallen. Es ist sehr gefährlich in einer Gesellschaft, in der es mehr Ignoranten als Aufmerksame gibt. Egal ob die Ignoranten einem bewusst übel wollen oder nicht. Sie können weder sich selbst noch andere schützen. Das beste Beispiel ist die aktuelle Ignoranz in Sachen Erderwärmung. Bis alle realisiert haben, was tatsächlich los ist, werden wir wahrscheinlich schon tot flussabwärts treiben.

Vielleicht. Aber es ist ganz schön bizarr, wie schnell sich manchmal ein Bewusstsein für etwas ausbreiten kann, wie ein Dominoprinzip.

Genau deshalb lernt man in Revolutionszeiten so viel. Während revolutionärer Wirren lernen die Menschen in zwe oder drei Tagen, wozu sie normalerweise Jahre brauchen würden. Sie werden ins kalte Wasser der Erkenntnis gestoßen, weil alles unmittelbar geschieht und sich die Gesellschaft so schnell verändert. Im Normalfall werden die Menschen nicht dazu angeregt, zu denken. Sie sollen essen und kopulieren und arbeiten. Nicht sich informieren und lernen. Mao hat gesagt: „Sei gut im Lernen, nimm Dir Zeit zu verstehen, was Du nicht verstehst.“ Und es gibt vieles, was Du nicht verstehst. Es gibt vieles, was Du nie verstehen wirst. Aber Du solltest es auf alle Fälle versuchen. Du musst immer versuchen herauszufinden, was es da draußen alles gibt, weil Du immer zuerst wissen musst, welche anderen Wege es gibt, bevor Du Dich gegen sie entscheidest. Du musst begreifen, und dann musst Du das, was Du begriffen hast, abhaken und Deine eigenen Antworten finden.  

Ich lernte Ihre Gedichte in der Schule, als ich noch nichts über Ihr Leben wusste. Ich habe mich in Ihren Gedichten wiedergefunden, weil sie mit meinem eigenen Leben zu tun hatten, ohne zu verstehen, welchen Hintergrund sie eigentlich hatten. Finden Sie es komisch, dass ein kleines, weißes Mädchen ein Gedicht wie „Return of the Native“ (deutsche Fassung: „Die Rückkehr der Eingeborenen“) faszinieren finden kann, ein Gedicht, das Sie in Ihrer Zeit als Black Nationalist geschrieben hast?

Es geht nicht darum, wer es geschrieben hat oder wann er es geschrieben hat. Es geht um das Empfinden. Es geht um Unmittelbarkeit, nicht um das Drumherum. Wenn man das Menschliche in dem Gedicht ahnt, hat man sein Wesen erfasst. Der guatemaltekische Dichter Otto Rene Castillo schreibt: „Wenn Du die Person hinter diesen Worten wahrnimmst; wenn Du den Menschen hinter diesen Worten wahrnimmst; wenn Du das echte Leben wahrnimmst, jenseits der reinen Beschreibung, dann sind wir Bruder und Schwester“. Und genau das muss Kunst schaffen. Selbst wenn man überzeugt ist, man hasst manche Menschen, so will man trotzdem, dass sie kapieren, was man sagt. Sie sollen das Gefühl verstehen. Man kommuniziert mit Leuten auf ganz vielen verschiedenen Ebenen. Aber letztlich sind es alles Menschen. Sie kommen von unterschiedlichen Orten, sind unterschiedlich groß, geformt, farbig, haben unterschiedliche Wünsche und Bedürfnisse – aber alle wollen erkannt werden. Anerkennung hilft, einander zu verstehen. Jetzt ist nur die Frage: Wann werden wir so weit sein, Gesellschaften zu schaffen, die auf letztlich nur auf unserem Menschsein basieren, statt auf all dem anderen Bullshit, der uns separiert und uns zu Feinden macht?

Denken Sie, wir können das schaffen?

Ich denke, entweder tun wir das – oder wir gehen ein. Entweder finden wir einen Weg oder wir werden untergehen. Es ist ein weiterer Epos: Entweder wir verbessern diese Gesellschaft so, dass wir zusammenleben können, oder wir sind alle tot. Die Erderwärmung zeigt ganz deutlich, dass wir das nur gemeinsam schaffen können. Wir sind Teil der Natur, und wir müssen im Einklang mit ihr sein, mit ihrem Grundwesen, oder sie wird sich von uns befreien. Bis zu einem bestimmten Grad stimmen alle überein, dass wir uns zusammenraufen müssen, um weiterzukommen. Ab einem gewissen Punkt ist Individualismus nur noch abstrakt, vor allem angesichts dieser Situation.  Das gleiche gilt für soziale Beziehungen, internationale Beziehungen: Macht weiter diesen Unsinn in Irak und es wird genauso enden. Werden wir wirklich weiterhin die ganze Welt in Gefahr bringen, nur damit eine kleine Gruppe von uns sich bereichern kann? Das ist doch krank.

Denken Sie, dieses Verständnis muss schon im Kleinen beginnen? Mit unseren Freunden und Lieben? Sie und Ihre Frau sind seit über 40 Jahren verheiratet. Ich kann mir vorstellen, dass damit ein ähnlicher Lernprozess verbunden ist.

Wenn mich die Leute fragen, wie wir es geschafft haben, so lange verheiratet zu sein, sage ich: Weil wir verheiratet sein wollen. Es ist eine Frage des Bedürfnisses: Was hat ein anderer, was man braucht? In einer Beziehung geht es auch darum, sich selbst darin zu finden. Wenn man sich nicht darin wiederfindet, sollte man gehen. In einer Ehe geht es um Ergänzung, diese Hälfte und diese Hälfte, das ist die Wahrheit und nicht irgendein Bullshit. Das Leben eines Individuums allein ist beschränkt, ganz egal wie klug oder brilliant oder reich einer ist. Menschen sind gesellige Tiere. Eine Gesellschaft aus einer Person gibt es nicht. Manche denken, sie müssen die ideale Welt schaffen, dabei müssen sie eigentlich nur lernen, mit einem anderen Menschen zu leben.

Geht es also darum, offen oder wahrhaftig zu sein, auch wenn es nur einer Person gegenüber ist? So dass er oder sie einen als den Engel oder den Mistkerl sieht, der man ist?

Yeah.

Denken Sie wirklich, dass Menschen in der Lage sind, sich dauerhaft so zu geben?

Naja, niemand bekommt beigebracht, so zu sein, sich so auszudrücken, oder sich mit seiner eigenen Wahrheit wohlzufühlen. Offen zu sein ist sehr schwierig. Zu sagen „Ich brauche Dich“ oder „Ich liebe Dich“ und es auch zu meinen, ist sehr schwer, viel schwerer als nur die Worte auszusprechen. Jeder ist in der Lage, das zu sagen, schließlich hat man das so oft in Filmen gehört. Sie gehen nur den Ablauf durch. Aber das tatsächlich mit der grösstmöglichen Ernsthaftigkeit zu formulieren ist hart, keiner von uns will sich diese Blöße geben.

Ist das mit Kreativität nicht so ähnlich? Sucht man da nicht auch genau diesen Punkt?

Letztlich ist das der einzige Punkt, an den man gehen kann, wenn man etwas schaffen will. Ich habe keine Ahnung, was all die Kreativität soll, wenn sie nicht dafür ist, genau an diesen Punkt zu gelangen.

 

////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////////

interview von andrea hiott