Homi Bhabha ist ein einflußreicher, aber auch kontroverser indisch-amerikansicher Theoretiker des Postkolonialismus und Professor an der Harvard University. Er ist der Autor des Buches "Die Verortung der Kultur" ("The Location of Culture"), in dem er die These vertritt, daß Widersprüchlichkeit anregend auf die kulturelle Produktivität wirke. Bhaba empfing uns in seinem Büro in
PULSE:
Läßt sich Wahrheit als etwas anderes als einen Teil einer Geschichte verstehen?
BHABHA:
Meines Erachtens läßt sich die Frage nach der Wahrheit ohne Erzählzusammenhang nur sehr schwer verstehen, denn Wahrheit ist selbst im Falle einer Deutung derselben als wesentliche Eigenschaft einer Sache - im Geiste des Keats'schen Wortes "Wahrheit ist Schönheit, Schönheit Wahrheit" - immer auch eine Art Urteil, und ein Urteil setzt zum notwendigen Abwägen von verschiedenen Dingen eine Zeitlichkeit voraus, die zu vermitteln es letztendlich immer der Sprache bedarf.
In wieweit ist Wahrheit immer eine Art Urteil?
In soweit als daß Wahrheit immer eine Behauptung ist. Wenn du etwas als wahr bezeichnest, stellst du eine Behauptung auf, du sprichst auf etwas an.
Also gibt es immer eine Mittelbarkeit in unserer Wahrnehmung, die eine Art Urteil ist, eine Art von Geschichte, die wir erzählen?
Nun, Wahrheit muß immer irgendwie vermittelt werden und die Erzählung ist da ein bequemer Weg. Ein Mensch benötigt Zeit, um zum Wesentlichen einer Sache vorzudringen, zur Baumheit des Baumes bzw. zur Wahrheit der Baumheit des Baumes, und die Zeit, die dazu benötigt wird, ist an sich schon ein erzählerischer Zusammenhang.
Könnten wir nicht genausogut sagen, daß wir unsere Vorstellung vom Baum aus den Geschichten beziehen, die uns über ihn erzählt worden sind?
In diesem Falle müßtest du über den Unterschied zwischen geistiger und geschichtlicher Wahrheit sprechen, aber es kommt eher auf deine Zielsetzung an. Du kannst natürlich alles zu einem Problem der Wahrheit machen, aber das ist dann eigentlich nicht mehr interessant.
Ich will nicht alles zu einem Problem der Wahrheit machen, sondern verstehen, wie sich Dinge entwickeln.
Aber dahinter steht noch eine andere Frage, oder?
Ja, denn es scheint, als beschäftigten sich die Leute neuerdings mehr mit dem, was wahrhaftig passiert ist, während es gleichzeitig immer schwerer wird, eben das genau zu bestimmen. Zum Beispiel wollte jeder in den Vereinigten Staaten die Wahrheit darüber wissen, ob es oder ob es keine Massenvernichtungswaffen im Irak gäbe, aber die Antwort darauf kam so spät, daß sie bereits nichts mehr auswirken konnte. Ist Wahrheit davon abhängig, ob die Menschen, die sie aussprechen, auch wirklich an ihre eigenen Worte glauben? Es ist fast so, als hätte das Unwahre eine größere Trägheit als das Wahre.
Also, okay, lass uns das einmal mit aller Ruhe angehen. Zuerst sollten wir zum Erzählzusammenhang zurückkehren: Haben Leute gesagt, es gäbe da Massenvernichtungswaffen? Ja, das haben sie. Wurden Massenvernichtungswaffen gefunden? Nein, das wurden sie nicht. Auf dieser Grundlage könntest du sagen, daß diese Leute - in den Worten eines berühmten Engländers - "mit der Wahrheit sparsam umgegangen sind", also nicht die Wahrheit gesagt haben. Andererseits heißt es, daß im Zeitraum unmittelbar vor Kriegsbeginn die Geheimdienstberichte unzureichend waren und die ihnen zur Verfügung stehenden Beweise die Regierungen Blairs und Bushs von der Glaubwürdigkeit dieser Berichte überzeugt hätten.
Also hätte es statt einer Lüge auch ein Fehler sein können?
Sie hätten sich selbst von der Notwendigkeit eines Krieges überzeugen können, wie sich Menschen selbst davon überzeugen, daß ein anderer Mensch sie liebt. Sie hätten daran glauben können, weil ihr Verlangen danach so groß war. Aber gleich wie es war, neben der Frage nach der Aufrichtigkeit oder Unaufrichtigkeit in diesen Dingen wird der Erzählzusammenhang besonders wichtig. Und ob sie letztendlich wirklich daran geglaubt haben oder nicht ist eine Frage, deren Beantwortung die durch die tatsächlichen Ereignisse noch schwieriger gemacht wird.
Ich glaube, darauf wollte ich mit dem Wort Trägheit ansprechen. Es ist so, als würden wir die Wahrheit freiwillig aufgeben für eine Bewegung, für die wir keine Verantwortung tragen wollen, obwohl wir die ganze Zeit mit ihr mitgehen.
Aber es ist wohl doch mehr als nur Trägheit. Es ist eine bestimmte Denkweise, eine bestimmte Art der amerikanischen Außenpolitik mit einer langen, bis ins 18. Jahruhundert zurückgehenden Geschichte, der Geschichte des vorgreifenden Handelns. Nach dieser Vorstellung muß man Ereignisse irgendwie in den Griff bekommen, bevor sie eintreten; handelt man jedoch vor dem Eintreten eines Ereignisses, weiß man nicht, ob man das richtige Ziel trifft.
Aber die Wahrheit kann unterschiedlich ausfallen, je nachdem, ob man das Ziel zerstört oder nicht.
Es ist wie die Vorstellung von Michele Foucaults, es gäbe keine Wahrheit an sich, "mit großem "W"", wie er auf Französisch sagt, keine transzendentale Eigenschaft. Um das Wesen der Wahrheit tobt immer eine Schlacht und es ist die Aufgabe des Diskurses, eine Sache für eine gewisse Zeit als wahr festzustellen, sei es durch eine bestimmte Labormethode, eine bestimmte Form der medizinischen Diagnose, eine bestimmte Verhaltensregel oder eine bestimmte Norm. Wahrheit ist immer eine Verhandlungssache, und gleichzeitig haftet ihr immer eine gewisse Autorität an.
Nun ja, in anderen Bereichen unserer Gesellschaft, nicht nur in der Politik, scheint sie ja nicht so sehr Verhandlungssache zu sein. Wenn jemand behauptet, seine eigene Geschichte zu erzählen, halten wir ihn oder sie für ihre Aussagen verantwortlich, ganz gleich, ob sie vor Gericht oder in einer Lebensbeichte gemacht wurden. In diesem Zusammenhang möchte ich das Gespräch gerne auf ein paar Streitfälle bringen, die es in jüngerer Zeit um Schriftsteller in den Vereinigten Staaten gegeben hat. Da gab es den Autor J.T. Leroy, der am Ende doch kein schwuler Strichjunge, sondern eine 40-jährige Frau war. Und dann gab es James Frey, dessen autobiographischer Bericht als Alkoholiker in Frage gestellt wurde. In sämtlichen solcher Fälle stellen dann alle von Oprah Winfrey bis Larry King die Frage, ob Autoren für Lügen strafangezeigt werden sollten. Was ist das Besondere am Schreiben, daß die Reaktion der Menschen davon abhängig macht, ob ein Autor einen Wahrheitsanspruch stellt?
Hier haben wir es mit einem Problem von unterschiedlichen Lesarten zu tun. Lesarten bauen immer auf bestimmten Strukturen oder Bedingungen der Glaubwürdigkeit auf. Liest du eine Science-Fiction-Geschichte, dann hast du eine bestimmte Erwartung. Liest du eine Allegorie, in der Tiere für Menschen stehen, erwartest du etwas anderes. Und wenn du einen Erfahrungsbericht liest, der dir als wahre Begebenheit vorgelegt wurde, dann verhältst du dich ebenfalls von Anfang an gemäß einer bestimmten Lesart. Jeder Text hat eine andere Lesart, und jede Lesart hat eine andere Form der Identifizierung, eine andere Reihe von Kodifizierungen.
Läuft es am Ende immer auf die Deutung hinaus? Kann denn ein Mensch darin jemals selbst etwas bestimmen?
Eigentlich nicht, du kannst darin überhaupt nicht selbst bestimmen, aber es besteht doch ein Unterschied. Es besteht ein Unterschied zwischen den Ebenen der Deutung, die von dir festgelegt werden. Wenn du über etwas schreibst, von dem du behauptest, du hättest es selbst erlebt, dann ist es durchaus möglich, Ereignisse wahrhaftig zu beschreiben, und es ist ebenso möglich, daß sich die eigene Wahrnehmung dieser Ereignisse später einem Wandel unterzieht. Diese Art des Wandels ist etwas ganz anderes als die Behauptung, du seist vergewaltigt worden oder ein Drogenabhängiger gewesen, wenn das in Wirklichkeit niemals der Fall war. So habe ich beispielsweise gerade ein Buch von Elie Wiesel über seine schrecklichen Erlebnisse als junger Mann während des Holocaust gelesen. Ich hoffe, ich erinnere die Geschichte richtig - es wäre in diesem Zusammenhang natürlich ironisch, täte ich das nicht - aber ich glaube, daß er in einem seiner frühen Bücher, das auf französisch erschien, davon erzählt hatte, wie es in den Transporten von jüdischen Menschen in die Konzentrationslager der Nazis in den Waggons viel Sex gegeben hätte. In der Fassung, die ich jetzt las, sagte er, daß er sich nicht sicher sei, ob das, was er über den Sex geschrieben hatte, tatsächlich so stattgefunden hat oder vielleicht eine Fehleinschätzung seinerseits war. Das ist es, was ich eine Umdeutung nennen würde. Er war also selbst vor Ort im Waggon, und in diesem Waggon waren die Körper womöglich sehr eng aneinandergedrückt und in Bewegung, es gab wahrscheinlich alle möglichen Laute in dieser Dunkelheit und Verzweiflung, die unterschiedliche Schlußfolgerungen angeregt haben könnten, unter anderem eben die, daß dort wirklich Menschen Sex miteinander hatten. Aber diese Frage ist etwas ganz anderes, als Elie Wiesels tatsächliche Anwesenheit in diesen Waggons und in dieser Frage grundsätzlich in Frage zu stellen.
Glaubst du, Moralität wird von uns selbst erzeugt durch das, was wir schreiben und schöpfen?
Sicher. Sicher tun wir das. Aber wie sollte sie anders entstehen? Also, wenn du vom Schreiben sprichst, gehe ich davon aus, du meinst écriture, also Inschrift, was gesprochene Sprache und bildliche Darstellungen beinhaltet, und nicht einfach nur das, was du auf ein Blatt Papier schreibst.
Ja. All das. Ein Buch schreiben, einen Film schreiben, zeichnen, schöpferisch tätig sein.
Genau. Bildliche Zeichen, bildliche Kultur. Es geht um ein System von Bedeutung. Es könnte Werbung sein. Es könnte ein Adventskalender sein. Es ist all das. Und wie sonst sollte Moralität ausgedrückt werden?
Ausgedrückt oder erzeugt? Ich spreche nämlich von ihrer Erzeugung.
Also, ausgedrückt im Sinne von bekannt gemacht, sichtbar gemacht, eingeführt in das Lesen, das Denken und die Sprache der Menschen, aber auch ausgedrückt wie artikuliert im Sinne des englischen Sattelschleppers oder "articulated lorry", bei dem die Moral, wie die Hänger eines Sattelschleppers, mit einer Reihe von anderen Dingen verbunden werden muß, und das wird mit Sprache und Bedeutung bewerkstelligt.
Also könnte man schöpferisch mit wahrhaftig gleichsetzen?
Nun, diese Aussage ist sehr weit gefaßt, aber ja, natürlich, schöpferisch sein bedeutet in gewissem Maße auch, einer Sache gegenüber wahrhaftig zu sein, wahrhaftig gegenüber deiner Vorstellungswelt, wahrhaftig gegenüber deinem Verlangen, wahrhaftig gegenüber deiner Liebe zur Sprache...
Aber es müssen noch andere Dinge beachtet werden, wie etwa das Spiel der Macht oder das Verlangen, anderen zu gefallen.
Wie meinst du das?
Wenn jemand etwas schaffen will, hat sie oder er einen ursprünglichen Anstoß, aber diese ursprüngliche "Wahrheit" wird auch mit allem √Ñußerlichen in Berührung kommen müssen. Es beseht immer die Möglichkeit, sich zu verleugnen, um sich in das bereits Feststehende einzufügen.
Nun, natürlich wärest du dir dessen bewußt, wenn du etwas schaffst. Du würdest entscheiden, welches Publikum du ansprechen willst, du würdest dich für eine Thematik entscheiden, eine Form, eine Finanzierung, die Einrichtung, an der du deine Arbeit durchführen willst usw.. Was außerhalb deiner Entscheidungsmacht stünde, ist die Art und Weise, wie das Werk im Laufe der Zeit bzw. in seiner eigenen Zeit gedeutet und gesellschaftlich vereinnahmt werden wird.
Wir kommen immer wieder auf die Deutung zurück, was keinen Spielraum für die Möglichkeit läßt, daß irgend etwas endgültig wahr sein könnte.
Mit Verlaub, ich glaube nicht, daß man an diese Frage mit einer solchen Betrachtungsweise herankommt. Was meinst du damit, daß etwas endgültig wahr sein könnte? Willst du, daß etwas auf immer und ewig gleich bleibt?
Ich will nicht, daß etwas auf immer und ewig wahr ist. Daß nichts auf immer und ewig wahr (oder gleich) bleiben kann, ist meines Erachtens offensichtlich, aber ich glaube, daß wir uns so verhalten, als seien Dinge eben doch auf ewig wahr und das beschäftigt
Was in deinem Leben, deinem Lesen oder Denken könntest du so beschreiben, als endgültig wahr, wie du sagst?
Vom Gefühl einmal abgesehen?
Selbst einschließlich des Gefühls...
Ich glaube, es gibt Gefühle, die wahr sind, selbst wenn die Sache oder der die Begegnung, die so ein ein Gefühl hervorruft, nicht immer gleich bleibt.
Also, ich will das mal so ausdrücken: An verschiedenen Orten und in verschiedenen Situationen gibt es Dinge, die als Wahrheiten fungieren, aber in jeder dieser Situationen gibt es auch immer einen Ort, von dem aus diese Vorstellungen oder Begriffe oder Regeln in Frage gestellt werden können.
Es scheint hier aber ein Zwiespältigkeit vorzuliegen im Sinne der Spannung zwischen der gefühlten Wahrheit und dem Wandel, dem dieses Fühlen im Umgang mit der Welt unterworfen werden kann.
Das spielt sicherlich beides eine Rolle, aber es ist da noch ein weiterer Faktor am Werk: Wenn du einen Satz niederschreibst, wenn du etwas von dir in eine Arbeit einfließen läßt, kann dir nie vollständig bewußt sein, in wieweit du damit deinen eigenen geistigen Zustand dort überträgst. Das Werk ist immer offen für Deutungen, die auch gegen den Strich der Absichten des Urhebers gehen können.
Wie stehst du in diesem Sinne zur Deutung deines eigenen Werks? Wie du weißt, bist du oft von Kollegen für deine undurchsichtige Schreibweise kritisiert worden. Ich nehme an, daß Undurchsichtigkeit auch Vieldeutigkeit bedeuten kann, und vorsätzliche Vieldeutigkeit könnte ein Weg sein, eine Sache für möglichst viele Deutungen offen zu halten. Meinst du, deine Schriften sind undurchsichtig? Ist das gewollt?
Nun, ich kann verstehen, daß manche meiner Texte schwierig sein könnten. Wenn ich an einer Sache arbeite und einen Gedanken noch nicht vollständig entwickelt habe, aber gerade die damit verbleibende Grauzone als wichtig für die weitere Erörterung erkenne, dann versuche ich, sie beizubehalten, selbst wenn das innerhalb des Textes eine Art Verunsicherung bedeutet.
Dann wird es am Ende mehr Dichtung als Sachtext, mit dem dazugehörigen Raum für Deutungen.
Genau. Ich sperre den Raum nicht und sage, daß ich hier und jetzt aufhöre, nur weil ich
Nun, es gibt Menschen, die sagen, daß sich neue Antworten nur finden lassen, wenn man mit der Unsicherheit umgehen kann, aber...
In der Tat, die gibt es.
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Translated from English by Jan Caspers
Interview von Andrea Kay Hiott