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Nie solo seiN

Ein Gespräch mit dem Filmemacher Jan Schomburg über seinen Kurzfilm und wie es sich in einer Welt lebt, in der alles rückwärts läuft

von Nicola Gerndt

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Nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nimmt in jedem geschlossenen System die Unordnung/Entropie mit voranschreitender Zeit zu. Wie aber lebt es sich in einer Welt, in der die Ordnung stetig zunimmt, die also genau in die entgegen gesetzte Zeitrichtung läuft wie unsere?  Max wacht eines Morgens auf und findet sich in einer Welt wieder, in der sich alles rückwärts abspielt, er aber lebt noch immer in seiner eigenen Zeitrechnung. Eigentlich möchte er nur etwas trinken, doch das erweist sich in dieser Welt als echtes Problem: Wasser wird vom Hahn aufgesogen statt in Max’ Glas hineinzufließen und an der Würstchenbude werden leere Flaschen ausgegeben, in die die Menschen Flüssigkeit hineinspucken, um sie dann gefüllt wieder abzugeben. Schließlich hilft ihm die Liebe einer jungen Frau sein Problem zu lösen, denn sie gibt ihm das, was er zum Leben braucht. Sie füllt einen leeren Becher, indem sie Limonade hervorbringt und ihm zu trinken gibt – und bleibt bei ihm.

Gerndt: Wie entstand die Idee, den Film rückwärts laufen zu lassen?

Schomburg: Einen Film rückwärts abzuspielen ist vermutlich der älteste Trick der Filmgeschichte. Ebenso wie die Idee, in einer rückwärts laufenden Welt einen Menschen vorwärts gehen zu lassen. Während wir uns mit dem Thema beschäftigten, fanden wir heraus, dass es bereits einige Filme gibt, die nach diesem Muster funktionieren. „Nie solo seiN“ ist dabei besonders, weil er diese Idee relativ konsequent zu Ende denkt, und zwar in einem intellektuellen Sinn. Wir haben versucht, in diesem Film den visuellen Effekt nicht zu sehr in den Vordergrund treten zu lassen, sondern ein Gedankenexperiment zu machen, wobei auch der Zuschauer gefordert ist, animiert wird, weiterzudenken. Grundsätzlich ist natürlich die Beschäftigung mit der Zeit, in dem Moment, wo man Filme macht, einfach da, weil man ja kleine Zeitstückchen hat, die man gegeneinander verschiebt und teilweise rückwärts sieht. So liegt es nahe, sich mit dem Thema auch inhaltlich zu beschäftigen.

...aber eigentlich geht es nicht in erster Linie um die Zeit?

Es geht darum, wie man überleben kann in einer Welt, die einem fremd ist, in der alles in die entgegengesetzte Richtung läuft. Die Bewegungsrichtung ist natürlich hier zu verstehen als Metapher für eine geistige oder emotionale Richtung – was passiert, wenn man sich plötzlich in einer Welt befindet, wo einem alles fremd ist, wie reagiert man darauf und wie arrangiert man sich mit dieser Welt.

Geht es Ihnen manchmal genauso wie Ihrer Hauptfigur, dass Sie sich “irgendwie falsch platziert” fühlen?

Ich fühle mich eigentlich relativ selten falsch platziert, meist fühle ich mich ziemlich wohl in meiner Haut. Da gibt es natürlich Situationen, in denen ich mich fremd fühle und ich das Gefühl habe, mit dem, was um mich herum passiert, nicht viel zu tun zu haben. Lustigerweise geht mir das besonders oft beim Fernsehen so, weil ich latent fernsehsüchtig bin und mein Antennenkabel immer im Keller aufbewahre, damit ich nicht so viel fernsehe. Aber wenn ich es dann mal hoch hole und durch die Kanäle schalte, ist mir all das plötzlich so fremd. Zumindest ein Teil des Fernsehens ist ja eine Parallelwelt, die sich nur durch sich selber generiert. Ich sehe dann Dinge, die ich nicht verstehe, weil die nur noch Bezug nehmen auf das, was sonst noch im Fernsehen passiert.

In „Nie solo sein“ kehren die Dinge zu ihrer alten Ordnung zurück. Das Negative wird positiv, Verbrechen werden zu netten Gesten, wer etwas wegwirft, bekommt es zurück. Wünschen Sie sich manchmal, Dinge rückgängig zu machen?

Grundsätzlich finde ich es interessant, dass - physikalisch gesehen - die Dinge in unserer Welt in eine höhere Unordnung streben. Wenn ein Glas zerbricht, ist dessen Ordnung geringer als die eines heilen Glases. In einer Welt, in der sich alles rückwärts bewegt, streben die Dinge dagegen - rein physikalisch gesehen - in eine höhere Ordnung . Natürlich gibt es Momente, in denen man denkt, es wäre schön, wenn man etwas rückgängig machen könnte. Aber letztendlich vertrete ich die These, dass man natürlich auch an den furchtbaren Dingen der Vergangenheit wächst, die einen zu dem machen, was man heute ist.

Auf der Suche nach Nahrung trifft die Hauptfigur Max ein Mädchen und sie verlieben sich. Sie gibt ihm zu trinken, indem sie einen Becher an den Mund setzt und Limonade ausscheidet, die sie ihm anschließend überreicht. Was bedeutet der Durst? Ist der gleichzusetzen mit der Liebe, ohne die wir Menschen nicht existieren können?

Durst ist ja ein grundlegendes Bedürfnis der Menschen und als ein solches existiert es auch im Film. Der Durst ist zunächst nicht gleichzusetzen mit der Liebe, er steht hier eher für das, was uns Menschen ausmacht, dass wir bestimmte Bedürfnisse haben, die aber auch nur gestillt werden können, indem man mit anderen umgehen lernt, sich mit ihnen arrangiert und anderen hilft. Und selbst die Liebe ist ja hier auch eine Metapher für das Umgehen miteinander. Natürlich hat der Durst und das Stillen des Durstes, dass die Frau einen Becher füllt, den der Mann dann trinkt, gleichzeitig auch eine erotische Konnotation, aber letztendlich geht es wirklich darum, dass man gewisse Bedürfnisse hat und wie man diese im Zusammenleben mit anderen befriedigen kann.

Ohne die das lebensnotwendige Wasser spendende Geliebte wäre Max verloren. Wie der „Ausländer“, der sich ohne die Hilfe anderer in einer fremden Welt nicht zurechtfindet. Kommunikation ohne Sprache, denn auch die Worte ergeben rückwärts gesprochen für Max keinen Sinn. Durch die Handlungen des Mädchens wie Wasser spenden und ihre liebevolle Zuneigung, hilft sie Max zu überleben, stürzt ihn aber gleichzeitig in eine tiefe Abhängigkeit...

Ich würde das in diesem Fall anders sehen. Mir ist hier besonders wichtig, dass sie einfach zusammenpassen, dass sie einen Weg finden, wie sie die verschiedenen Richtungen, in die sie gehen, vereinen, nämlich im Tanz. Das gefällt mir als Metapher sehr gut, weil der Tanz zwei verschiedene Richtungen vereint. Und da steht der Tanz gleichzeitig für Kultur und Kunst als ein schönes Beispiel, weil es weder rückwärts noch vorwärts geht und beide zusammenschweißt.

Für mich steht dieses Bild des Tanzens im Film, wie es sich dann auflöst auch dafür, wie man auf eine spielerische Art mit jemandem umgehen kann, der einem fremd ist.

Indem sie ihm zu trinken gibt, durchbricht sie den Lauf der Zeiten, beide kommen auf eine Ebene. Würde man dieses Szene wiederum rückwärts laufen lassen, bekäme sie von ihm zu trinken... Was bedeutet die Liebe, ist es eine Symbiose?

Diese Szene ist ja auch paradox, weil sie es zweimal hintereinander macht, was ja eigentlich gar nicht möglich ist, deswegen ist es schon wie eine Symbiose oder eine Art Perpetuum Mobile, plötzlich generiert sich etwas aus sich selbst – sie füllt den Becher und er trinkt, dann füllt sie den Becher erneut. Das heißt gleichzeitig aber auch, dass sie den Becher nur füllen kann, weil er getrunken hat. Und wenn man bei diesen verschiedenen Richtungen bleibt, wird deutlich, dass das, was für ihn Trinken ist, für sie Ausscheiden bedeutet. Insofern ist es natürlich eine Symbiose. Und da beginnt eine Aufhebung von dem Richtungsdenken.

Warum bleibt sie bei ihm? Wo er doch, wenn man die Geschichte weiterdenkt, immer älter und unansehnlicher wird...

Was die Unansehlichkeit angeht, stellt sich die Frage, was in einer rückwärts laufenden Welt eigentlich als „schön“ gelten würde. In unserer Welt ist es ja so: Je länger man auf der Welt ist, desto „unansehnlicher“ wird man und in der rückwärtigen Welt ist das ja vielleicht genauso, dass dort die Alten jugendlich sind und die Jugendlichen alt. Abgesehen davon geht es hier geht es natürlich um eine Liebe, die erhaben ist über das Alter.

Aber sie sind ja quasi gleich alt, als sie sich kennen lernen. Da geht ja die Geschichte für beide miteinander los.

Genau, und das macht die Melancholie am Ende aus, denn letztendlich vereinen sie sich erst wirklich im Tod. Er wird so sterben, wie wir es kennen und sie wird sich in Ei und Samenzelle auflösen. Da werden sie dann wirklich vereint sein.

In der letzten Szene sieht man ihn als alten Mann, der einen Säugling auf dem Arm hält, der offensichtlich sie ist, das ist ja für uns so eine Art Großvaterbild...

Absolut. Das nimmt ja auch ein bisschen Bezug darauf, dass man als alter Mensch wieder ein bisschen infantiler wird und insofern vielleicht doch wieder auf einer Ebene ist. Ich z. B. hatte als ich ungefähr 12 war, hervorragende Gespräche mit meiner Großtante über Hermann Hesse, den man anscheindend nur unter oder über einem gewissen Alter lesen kann. Ich glaube, man wird als alter Mensch in den Gefühlen wieder ein bisschen einfacher, unmittelbarer, man denkt nicht mehr an seine Karriere und hat wieder mehr Zeit für die Dinge, die man in der Kindheit schon gerne getan hat. Deswegen kann ich mir vorstellen, dass die zwei in dem Film sich in dem Stadium auch sehr gut verstanden haben, wenn sie 6 ist und er 60....

Warum haben Sie den Titel gewählt „Nie solo sein“? „Never Even“ nennen Sie ihn auf Englisch, das bedeutet doch eigentlich etwas ganz anderes.

Natürlich, man ist ja auf die Sprache begrenzt, wenn man ein Palindrom erzeugen möchte, das heißt, wenn der Titel sowohl vorwärts als auch rückwärts zu lesen sein soll. Und da „Nie solo sein“ auf Englisch ja kein Palindrom ist, haben wir gesucht, und „Never Even“ bot sich als Titel an, weil es auch zum Film passt.

Wie wurde der Film im Ausland aufgenommen?

Der Film wurde eigentlich überall sehr gut aufgenommen, auch der Humor des Films ist ja universal verständlich. Jeder kann das nachvollziehen, jeder hat so etwas schon einmal gedacht. Letztendlich ist das ein sehr eingängiges Gedankenexperiment.

Der Film hat diverse Preise bekommen - Haben Sie einen so großen Erfolg erwartet?

Ehrlich gesagt haben wir das schon erwartet. Die anderen Filme, die ich mache, sind relativ depressive Tragödien, die schwer im Magen liegen, und ich dachte, jetzt muss ich mal einen Film machen, der dem Publikum wirklich Spaß macht. Gleichzeitig ist „Nie solo seiN“ ja auch ein Film, der in ein Festivalrezept reinpasst, weil er eine sehr eingängige Idee hat, die ganz schnell verständlich ist. Wobei wir am Anfang viele Absagen bekommen haben, der Film hatte einen relativ schweren Start, dann ging es so langsam aufwärts. Und der Höhepunkt war, auf der Closing Night des New York Film Festivals vor 2800 Leuten in der Avery Fisher Hall zu laufen, als Vorfilm zu “Sideways“ von Alexander Payne.

Wie hat er Sie selbst verändert - Sie sagen, Sie haben in der Zeit auch rückwärts geträumt?

Es war schon eigenartig, sich den ganzen Tag damit zu beschäftigen, sich zu überlegen, wie geht das rückwärts, ist das jetzt logisch, müsste er nicht früher lächeln... Diese Gedanken sind irgendwann einfach so drin, so dass man dann nachts anfängt, auch rückwärts zu träumen. Das hat sich glücklicherweise einigermaßen wieder gelegt und ich werde so bald keinen Film mehr rückwärts machen.

Was planen Sie als nächstes?

Ich werde als nächstes einen Science-Fiction Film drehen mit dem „Kleinen Fernsehspiel“ vom ZDF. Die Dreharbeiten fangen im Frühjahr 2006 an. Das ganze geht insofern ein bisschen in die Richtung von „Nie solo sein“, als dass es auch eine relativ klare äußere Idee ist, wobei ich hoffe, dass ich das Tragödienhafte und Depressive in diesem Film das erste Mal verbinden kann mit einem leichten charmanten Thema, wie es in „Nie solo sein“ der Fall ist. Es wird darum gehen, dass im Jahr 2020 die Möglichkeiten für ästhetische Operationen perfektioniert worden sind und es problemlos möglich ist, sich als 70-Jährige in eine 20-Jährige umoperieren zu lassen, ohne dass es jemand merkt. Insofern wird auch das Thema „Alt/Jung“ wieder behandelt und es geht um die Frage, was bedeutet eigentlich die körperliche Hülle, wenn sie beliebig veränderbar ist, was bedeutet das für unsere Identität. Eine philosophische, theoretische Auseinandersetzung, die hoffentlich gleichzeitig auch großen Spaß machen wird.